Pretzfeld -
Ein Blick in seine Geschichte, Lage, Name, frühe Besiedlung


Pretzfeld liegt unweit der Einmündung der Trubach („trübe Ache") in die Wiesent, der in vielen Varianten erscheinende Ortsname bedeutet „breites Feld". Für eine erste Ortsgründung können vielleicht die Thüringer verantwortlich gemacht werden, die nach dem Ende des Hunnenreiches das bedeutendste Germanenreich außerhalb des untergegangenen Römischen Reiches errichteten. Das Anfang des 6. Jhs. n. Chr. blühende Thüringgerreich wurde jedoch schon 531 von dem mächtigen Volk der Franken („die Freien") vernichtet. Die folgende, ostwärts gerichtete fränkische Landnahme erreichte bis 680 die Regnitz. An der Stelle, wo die Wiesent in die Regnitz einmündet, entstand in der Mitte des 8. Jhs. der Königshof (Pfalz) Forchheim. Diese Pfalzen (von lateinisch palatium, „Palast", „Residenz") dienten den ständig auf Reisen befindlichen Herrschern des Früh- und Hochmittelalters als Standquartiere, in denen sie Unterkunft und Verpflegung fanden. Um die Königshöfe herum entwickelten sich jeweils Gruppen kleinerer Höfe als landwirtschaftliche Zulieferbetriebe. Pretzfeld wird zwar im Zusammenhang mit der Forchheimer Pfalz nicht ausdrücklich erwähnt. Die landesgeschichtliche Forschung setzt jedoch die Entstehung von Ortschaften, deren Name auf „-feld" endet, so auch Hollfeld und Waischenfeld, in diese Epoche.

Slawen und Slawenkirchen

Etwa gleichzeitig mit der fränkischen Landnahme drangen im 7. und 8. Jh. slawische Volksgruppen (Wenden) nach Westen vor. Dabei wird es sich nur um kleinere Einheiten gehandelt haben, die sich hier und dort niederließen. Gleichwohl wurde ihr Siedlungsraum in den lateinischen Quellen als terra („Land") oder regio („Gebiet") bezeichnet. Schon Karl der Große hatte den Würzburger Bischof Berowelf und seine beiden Nachfolger beauftragt, die zwischen Main und Rednitz siedelnden Slawen zu bekehren. Zu diesem Zweck sollte der jeweilige Bischof gemeinsam mit den zuständigen Grafen 14 Kirchen errichten, in denen die Wenden getauft werden, Predigten hören und die Messe feiern konnten. Da Pretzfeld wie Würzburg unter dem Patronat St. Kilians steht, lag seine Gleichsetzung mit dem Ort einer jener Kirchen zumindest nahe. Diese noch Mitte des 20. Jhs. vertretene Vorstellung ist jedoch immer mehr in die Kritik geraten. Zumindest kann kein Beweis dafür erbracht werden, dass die Pretzfelder Pfarrkirche noch zu Lebzeiten Karls, also spätestens im frühen 9. Jh., entstand.

Mit dem Tod von Karls Sohn, Kaiser Ludwig „dem Frommen" 840, fiel das gewaltige Frankenreich auseinander. Sein West- und Ostteil wurden indessen noch lange nicht „Frankreich" und „Deutschland" genannt, sondern „West"- und „Ostfranken". Ebenso ist die Bezeichnung des ostfränkischen (und ersten „deutschen") Königs als „Ludwig der Deutsche" nicht zeitgenössisch. Dennoch muss gerade er als eine wichtige Gestalt für Pretzfelds Frühgeschichte angesehen werden. Spätestens in seine Regierungszeit (840 - 876) fällt die Gründung der dortigen Kirche als Urpfarrei.

Ersterwähnung, Hoch- und Spätmittelalter

Bei all den Spekulationen, die man über die Frühzeit des Ortes anstellen mag, bleibt immer im Auge zu behalten, dass von Pretzfeld selbst in den zeitgenössischen Berichten nie die Rede ist. Erst im Jahre 1145 taucht der Ortsname erstmals in einer Urkunde auf: Pfarrer Werenher von Bretevelth (= Pretzfeld) löste den Zehnt der Pfarrei Pretzfeld ein, der von zwei namentlich erwähnten Adeligen viele Jahre lang einbehalten worden war.  

Das Umfeld des Jahres 1145

Außer Egilbert (Bischof von Bamberg 1139 - 1146) kann keine der in der Urkunde erwähnten Personen überregionale Bedeutung beanspruchen. Dass sich der in ihr dokumentierte Vorgang trotzdem nicht in einem örtlichen und zeitlichen Niemandsland abspielte, zeigt ein Blick auf die Geschichte der Epoche: Wir befinden uns in den Anfängen des staufischen Zeitalters, das lange als glanzvollste Epoche des deutschen Mittelalters galt. Konrad III., seit 1137 erster staufischer König, hatte sich freilich noch der Welfen zu erwehren, die mit ihm um die Herrschaft konkurrierten. In diesem Zusammenhang ist besonders die Schlacht bei Weinsberg zu erwähnen, der seit November 1140 ausgefochtene Kampf um eine unweit der Partnergemeinde Bretzfeld gelegene Burg. Sie ist durch ihre weiblichen Einwohner bekannt geworden, die „Weiber von Weinsberg", die vor König Konrad auf freien Abzug kaptulierten und durch einen Verfahrenstrick auch noch ihre Männer retteten.

In die staufische Epoche und die Jahrzehnte danach fällt das erste nachweisbare Auftreten einer Adelsfamilie, deren Schicksal eng mit dem Ort verknüpft war. Es handelt sich um das Bamberger Ministerialengeschlecht „von Pretzfeld", dessen Angehörige sich nach der Ortschaft nannten, in der sie ansässig waren. Sie traten erstmals 1182 mit Hademar de Bretevelt in den Urkunden auf und erloschen nach 1304 mit Praun de Pretfelt im Mannestamm. Einige Jahrzehnte nach ihrem Aussterben schoben sich die Freiherren von Wiesenthau in den Vordergrund, deren erster Pretzfelder Vertreter, Wilhelm von Wiesenthau, 1371 erwähnt wird. Möglicherweise bewohnte er bereits ein Vorläufergebäude des späteren Ansitzes auf dem Schlossberg. Über hundert Jahre später, 1483, trugen seine Nachkommen ihren bisher freieigenen Besitz dem Hochstift Bamberg zu Lehen an. 1522 verkaufte ein späterer Wilhelm von Wiesenthau das Rittergut an seinen Schwager Endres (Andreas) Stiebar.  

Reformation und Dreißigjähriger Krieg

Die Reichsritter Stiebar (auch Stibar, Stieber) von und zu Buttenheim sind mit Sicherheit diejenige Adelsfamilie, die die meisten Spuren im Ort hinterlassen hat. Mit ihren Besitzungen in Pretzfeld, Wolkenstein und Hagenbach zählten sie vom 16. bis zum 18. Jh. zum Kanton Gebirg des Ritterkreises Franken im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Ihre faktische Herrschaft über den Ort begann allerdings damit, dass ihr Ansitz drei Jahre nach seiner Erwerbung (1525) ein Opfer des Bauernkrieges wurde. Gut hundert Jahre später ereignete sich eine ganz ähnliche Katastrophe: Die Schlossherrschaft, die sich zum Missfallen ihres bischöflichen Lehensherrn der Reformation angeschlossen hatte, wurde in die Wirren des dreißigjährigen Krieges hineingezogen. So rettetete sich der damalige Besitzer Hans Christoph Stiebar im November 1635 mit seiner Familie nach Nürnberg, da sich mordende und brennende kaiserliche Truppen näherten. Tatsächlich wurde das Schloss dann am 12. und 23. des Monats übel geplündert. Hans Christoph Stiebar, der später in Würzburg und Schweinfurt Zuflucht gesucht hatte, starb 1635 in Forchheim. Erst nach dem Ende des dreißigjährigen Krieges erhielt sein Sohn Georg Pankraz den Pretzfelder Besitz zurück, der seinem Vater auch offiziell wegen Hochverrats aberkannt worden war.  

Die Epoche des Bierkrieges

Tatsächlich wurde das Pretzfelder Leben in der frühen Neuzeit weniger durch überegionale Ereignisse wie Glaubenskriege und andere Kämpfe um die Vorherrschaft im niedergehenden Alten Reich bestimmt. Prägend waren eher örtliche Auseinandersetzungen, deren bekannteste der Bierstreit mit Ebermannstadt darstellt. In diesem Zusammenhang war den Bewohnern des Nachbarortes schon 1513 schriftlich bestätigt worden, dass die Pretzfelder nicht befugt seien, „zu mälzen und zu bräuen". Vielmehr seien sie verpflichtet, ihr Bier aus Ebermannstadt zu beziehen. Diese Vorschrift wurde offenbar von der Pretzfelder Schlossverwaltung missachtet, indem diese nicht nur für das Schloss brauen, sondern auch die örtlichen Wirtshäuser beliefern ließ. Im Gegenzug überfielen die Ebermannstädter am 6. 9. 1690 das Pretzfelder Schloss, zerschlugen die Brauerei und schütteten etwa zwanzig Eimer Bier aus. Ein jahrzehntelanger Prozess in dieser Angelegenheit zwischen Ebermannstadt und Pretzfeld vor dem Reichskammergericht scheint der Position der Ebermannstädter zum Durchbruch verholfen zu haben. Das stiebarische Urbar (Besitzverzeichnis) von 1729 deutet an, dass in der Schlossbrauerei nur noch für den Eigenbedarf gebraut werden durfte.  

Ein Baupfusch-Prozess des 18. Jahrhunderts

Als Pretzfelder Pfarrkirche diente bis ins 18. Jh. ein Gebäude mit einem Chorturm, der ein hölzernes Obergeschoss hatte, das mit einem vierseitigen Turmhelm gedeckt war. Unter der Leitung des Bamberger Architekten Ingenieur-Leutnant Johann Jakob Michael Küchel sollte der Turm um ein Geschoss erhöht werden. In der Nacht zum 22. 9. 1739 stürzte der bis auf Knopf, Kreuz und Dachdeckerarbeiten bereits vollendete Glockenturm in sich zusammen und zerstörte die Kirche und einige Nebengebäude. Daraufhin wurde, wiederum von Küchel geplant, ein vollkommen neuer Rokoko-Bau errichtet, der heute mit zu den schönsten Landkirchen zählt. Die Bauarbeiten zogen sich zwanzig Jahre lang (1742 - 1762) hin, parallel dazu lief ein Prozess gegen Küchel, der für den Turmeinsturz verantwortlich gemacht wurde. Erst ein Vergleich am Reichskammergericht vom 25. 6. 1762 beendete diesen Rechtsstreit.  

Unter den Grafen von Seinsheim

Obwohl das Wirken der Familie Seinsheim in Pretzfeld nur knapp neunzig Jahre Jahre dauerte, hat auch diese recht deutliche Spuren in der Ortsgeschichte hinterlassen. Dies mag zum einen daran liegen, dass sie ihr Wesen in einer historisch gut belegten Epoche trieben, zum anderen daran, dass sie eben die letzten „Feudalherren" im Ort gewesen sind. Schon ihre dortige „Machtübernahme" spielte sich noch ganz in den Formen des Lehenswesens ab: Am 14. 6. 1762 war Johann Georg Christoph Wilhelm Stiebar unter Hinterlassung mehrerer weiblicher Angehöriger, aber ohne einen männlichen Erben verstorben. Das Rittergut Pretzfeld fiel demnach gemäß Lehensrecht an das Hochstift Bamberg heim.  

Das Pretzfelder Wappen

Noch heute erinnert das Gemeindwappen an die beiden Adelsgeschlechter, die die Geschicke des Ortes in der frühen Neuzeit lenkten. Der geteilte Schild zeigt in seiner oberen Hälfte in Rot einen silbernen Spieß für die Wildschweinjagd, eine „Saufeder", das Wappen der Freiherren von Stiebar. Unten sind die blau-silbern wechselnden Balken der Grafen von Seinsheim zu sehen.  

Fürstbischof von Bamberg war 1757 bis 1779 Adam Friedrich Graf von Seinsheim. Dass er sich bei der Wiedervergabe des Lehens für den eigenen Bruder entschied, mag niemanden überrascht haben. Immerhin wird diesem Joseph Franz Maria Grafen von Seinsheim, einem kaiserlichen und kurpfälzischen bayerischen Geheimrat, nachgerühmt, dass er sich in einer Prozessangelegenheit um das Hochstift verdient gemacht hatte. Auch die Witwe, die Schwester und die drei Töchter des verstorbenen Stiebar wurden nicht einfach auf die Straße gesetzt, sondern mit Rentenzahlungen und Austeuern abgefunden. In die Zeit der Pretzfelder Schlossherrschaft der Familie Seinsheim fällt das Ende des Alten Reiches (1806), nachdem das Hochstift Bamberg schon vorher (1802) seiner weltlichen Machtstellung entkleidet und dem neugeschaffenen Königreich Bayern (1805) zugeschlagen worden war. Ein Vierteljahrhundert später (1830) beehrte das bayerische Königspaar Pretzfeld mit seinem Besuch, was anscheinend als eine Art Jahrhundertereignis empfunden wurde. Mit dem Ende der Feudalherrschaft in Bayern (1848) wurden die Grafen von Seinsheim nicht nur wie bisher Besitzer, sondern auch offizielle Eigentümer ihrer Pretzfelder Liegenschaften. Der einzige Vorteil, den sie daraus zogen, bestand allerdings darin, den Schlossbesitz aus einer finanziellen Notlage heraus vier Jahre später an den Nürnberger Großhändler und Bankier Joseph Kohn verkaufen zu können.  

Der Streit um das Marktrecht

Die innere Verwaltung des Ortes oblag nachweislich seit dem späten Mittelalter sogenannten „Viertelmeistern". Ein halbes Jahrhundert lang, 1819 - 1869, amtierten „Gemeindevorsteher", die faktisch bereits als Bürgermeister anzusehen sind, auch wenn diese noch heute gebräuchliche Amtsbezeichnung erst durch die bayerische Gemeindeordnung vom 29. 4. 1869 offiziell eingeführt wurde. Zu welcher Art von Gemeinden Pretzfeld gehörte, war nicht unumstritten. Die darum ausgetragenen Konflikte erinnern lebhaft an die Ereignisse im Bierkrieg, auch wenn es nicht mehr zu Fällen physischer Gewaltanwendung kam. So war gerade im Jahr des Endes der Feudalherrschaft, 1848, eine Streitsache zwischen Pretzfeld und Ebermannstadt anhängig, in der es um die Erhebung des Marktstandgeldes ging. Dabei wurde von Seiten der Ebermannstädter vorgebracht, dass die Gemeinde Ebermannstadt „vor undenklicher Zeit" der Gemeinde Pretzfeld zwei ihrer Märkte „aus losem guten Willen" ohne irgendeine Verbindlichkeit zugestanden habe. Im weiteren Prozessverlauf bestritt Ebermannstadt sogar, dass Pretzfeld ein Marktflecken sei und drohte damit, seine Märkte zurückzuziehen. Erst Anfang 1857 erging ein Gerichtsbeschluss, der Pretzfelds Marktrecht bestätigte, wobei das Dorf ausdrücklich als ein „großer und sehr frequenter Ort" bezeichnet wurde.  

Eine oberlehrerhafte Ermahnung an die lieben Pretzfelder

„Ich hätte nur gewünscht, daß meine lieben Landsleute ... fortan ... von dem Streben sich hätten leiten lassen, ihrem so hübsch gelegenen Heimatorte durch bessere Instandsetzung und Verschönerung der Wohnhäuser ... auch äußerlich das Gepräge eines Marktes zu geben."Oberlehrer a. D. Hans Haas, 1936

Prominente Pretzfelder Bürger des 20. Jhs.

Kunst- und Kulturschaffende - Curt Herrmann und Christoph Beck

Seit dem Ende des 19. Jhs. ist die interessante Tatsache zu beobachten, dass die Gemeinde in der Fränkischen Schweiz immer wieder Menschen in ihren Mauern beherbergte, die einen überregionalen Bekanntheitsgrad erreichten. Der älteste von ihnen war der am 1. 2. 1854 in Merseburg geborene Maler Curt Herrmann, der vom französischen Neoimpressionismus beeinflusst wurde und demnach als „deutscher Signac" gilt. 1897 heiratete er in Berlin seine Schülerin Sophie Herz, eine Enkelin des 1885 verstorbenen Schlosseigentümers Kohn. Von da an tauchten Pretzfeld, das dortige Schloss und seine Umgebung immer wieder als Motive seiner Bilder auf. 1923 wählte Herrmann das Schloss zu seinem ständigen Aufenthaltsort, starb aber schon am 13. 9. 1929 in Erlangen.

Zwanzig Jahre jünger als Herrmann war Christoph Beck, der am 28. 4. 1874 in Pretzfeld als Sohn einer alteingesessenen Bauernfamilie geboren wurde. Nach Gymnasialzeit und Studium, das er mit dem Doktor der Philosophie (Dr. phil.) abschloss, war er als Lehrer in Nürnberg und am Alten Gymnasium in Bamberg tätig. 1932 wurde er als Direktor an die neugegründete Realschule in Nürnberg berufen, zusätzlich wurde ihm die Leitung des Reformgymnasiums übertragen. Seine Karriere als Schulleiter fand allerdings ein jähes Ende, als er es im Jahr darauf bewusst unterließ, anlässlich einer Entlassungsfeier ein „Hoch" auf den Reichskanzler Adolf Hitler auszurufen: Im Oktober 1933 wurde der noch nicht sechzigjährige Beck vorzeitig pensioniert. Er starb am 20. 12. 1939 in Nürnberg und wurde in einem noch bestehenden Grab auf dem Pretzfelder Friedhof beigesetzt. Von seinen Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Heimatdichtung und -forschung sei besonders auf das Büchlein „Mein Pretzfelda Landsleut" hingewiesen, daneben auf die „Daham auf da Hausstaffl" betitelten Heimaterinnerungen. Ehrenbürger seines Geburtsortes war Beck schon im Sommer 1927 geworden, nachdem er mehrfach altfränkische Trachtenfeste organisiert hatte.

Industriephysiker - Walter Schottky und Eberhard Spenke

Jahre des Zweiten Weltkriegs liegen zwischen dem Tod Christoph Becks und dem Eintreffen Walter Schottkys in Pretzfeld. Der am 23. 7. 1886 in Zürich (Schweiz) geborene Sohn eines deutschen Mathematikers studierte nach Jugendjahren in Zürich, Marburg und Berlin Physik und promovierte 1912 bei Max Planck. Anfang März 1916 wurde er bei Siemens & Halske angestellt. In diese bis 1919 andauernde erste Berliner Siemenstätigkeit fallen bereits wichtige Entdeckungen: Schottky erfand 1916 die „Schutznetz"-Elektronenröhre (Schirmgitter-Tetrode), 1918 das Superheterodyn-Prinzip für den Funk-Empfang und entdeckte im gleichen Jahr den „Schroteffekt" in Elektronenröhren, ein akustisch an das Prasseln von Schrotkörnern erinnerndes Rauschen aufgrund der Quantenstruktur der Elektrizität. Die Jahre 1920 bis 1922 führten ihn erstmals nach Franken, da er zunächst eine Universitätslaufbahn anstrebte und sich dazu 1920 in Würzburg habilitierte, d. h. für die Übernahme einer Professorenstelle qualifizierte. Nachdem er während dieser ganzen Zeit als externer wissenschaftlicher Berater mit der Firma in Kontakt geblieben war, kehrte er 1927 ganz zu Siemens nach Berlin zurück. Die in den folgenden Jahren erbrachten Leistungen berechtigen dazu, Walter Schottky als den bedeutendsten deutschen Industriephysiker des Jahrhunderts anzusehen. Einen gewissen Abschluss seiner damaligen Forschungsarbeiten stellt die 1938 bis 1941 entwickelte Theorie der Gleichrichtung in Halbleiter/Metall-Kontakten dar, die 1942 abschließend publiziert wurde. Im Februar 1944, als die zunehmende Bombardierung Berlins die dortige Weiterarbeit unmöglich gemacht hatte, verlegte Schottky seinen Wohnsitz nach Pretzfeld.

„... wir müssen, wie so viele Deutsche, auf die Zerstörung aller unserer Hoffnungen durch diesen verbrecherischsten und dilettantischsten aller Kriege gefasst sein."Aus einem Brief Walter Schottkys vom 17. 3. 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er weiterhin für Siemens tätig, hatte aber keinen unmittelbaren Einfluss mehr auf die weitere Entwicklung der Elektrotechnik. Vielmehr übernahm er den Vorsitz des Halbleiterausschusses des Verbandes Deutscher Physikalischer Gesellschaften und kümmerte sich seit 1953 um die Etablierung der neuen Disziplin „Halbleiterphysik" in der jungen Bundesrepublik. Dadurch profilierte er sich auch noch als Forschungsorganisator. Walter Schottky starb am 4. 3. 1976 im Kreiskrankenhaus Forchheim, ist aber in Pretzfeld bestattet. Bereits am 18. 3. 1976 beschloss der Marktgemeinderat, einen Teil der Bahnhofstraße in „Walter-Schottky-Straße" umzubenennen. Dem folgte Ende 1987 die Namengebung der Schule als „Walter-Schottky-Volksschule".

Der am 5. 12. 1905 in Bautzen geborene Apothekerssohn Eberhard Spenke hatte ebenfalls Physik studiert und 1928 in Königsberg promoviert. Von 1929 bis zum Kriegsbeginn war er mathematischer Assistent Walter Schottkys bei Siemens in Berlin. Seine Hauptleistung in dieser Zeit war die mathematische Ausgestaltung von Schottkys Randschichttheorie der Gleichrichtung in Halbleiter/Metall-Kontakten. Seit April 1940 arbeitete er im Auftrag der Marine an Sperrbrechern zur Abwehr von magnetisch ausgelösten Minen. Anfang April 1945 floh Spenke vor der anrückenden roten Armee nach Holstein. Dort knüpfte er nach Kriegsende bei der Siemens-Verlagerungsstätte in Sielbeck an seine früheren Halbleiterforschungen an. Sein Augenmerk galt dabei der Umsetzung von Schottkys Theorie in marktfähige Produkte, besonders Selengleichrichter. 1946 verlegten die Siemens-Schuckertwerke die Selengruppe Sielbeck nach Pretzfeld. Hier baute Spenke eine Arbeitsgruppe auf, die in den folgenden zehn Jahren bedeutende Erfolge erzielte: Zusammen mit dem Werkstoffhauptlaboratorium von Siemens & Halske wurde bis 1956 ein aus drei Schritten bestehender Siemens-Prozess zur Erzeugung von Silizium in Halbleiterqualität entwickelt. Bis heute wird Halbleiter-Silizium weltweit nach diesem Prinzip hergestellt. Im gleichen Jahr 1956 wurden die ersten Silizium-Leistungsgleichrichterelemente vorgestellt. Silizium-Leistungsbauelemente wurden aber in der Folgezeit in Pretzfeld nicht nur entwickelt, sondern auch angefertigt. Von 1969 an bis zu seiner Pensionierung Ende 1970 war Spenke mit der Verlagerung des Entwicklungsbereiches nach München beschäftigt. Er starb am 14. 11. 1992 in einem Erlanger Seniorenstift und fand, ebenso wie Christoph Beck und Walter Schottky, auf dem Pretzfelder Friedhof seine letzte Ruhestätte. Im Dezember 1980 war ihm anlässlich seines 75. Geburtstages die Ehrenbürgerwürde der Marktgemeinde verliehen worden.

Das Ende von EUPEC in Pretzfeld

Leistungshalbleiter wurden in Pretzfeld noch einige Jahrzehnte lang produziert, am Ende von der Siemens-Tochterfirma eupec (European Power-Semiconductor and Electronic Company), die ursprünglich zusammen mit Daimler-Benz gegründet worden war. So traf die bereits 1989 einmal erwogene völlige Schließung des Betriebes, die 2001 beschlossen und Ostern 2002 durchgeführt wurde, Arbeitnehmer und Funktionsträger in Pretzfeld wie ein Keulenschlag. Ein halbes Jahrhundert Halbleitertechnik (im Volksmund „Halbleiterei"), die die Wirtschaft des Ortes stark geprägt und diesen international bekannt gemacht hatten, waren zu Ende.

 Martin Schottky